Wie ticken Online-Kommentierer politisch? Und was unternehmen Medienportale, damit ihnen "ihre" Kommentierer kein schlechtes Image verschaffen? Antworten aus der Medienwissenschaft und von vier Portalen. Von Bettina Büsser
Häme, Gift, Unzufriedenheit, Anwürfe gegen Volksgruppen oder Politiker – wer die Publikumskommentare auf Newsnet*, 20min. ch, blick.ch oder nzz.ch liest, kann manchmal am Guten und Schönen im Menschen zu zweifeln beginnen. Oder sich konsterniert fragen: Gibt es wirklich so viele Rechtsbürgerliche in der Schweiz?
Nicht unbedingt. Das zeigen die Resultate von Thomas Friemel**, Oberassistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich (IPMZ): Er forscht über Online-Kommentare und hat dazu knapp 4000 Personen befragt, die auf den Sites von NZZ, "Blick", "20Minuten" und Newsnet rekrutiert wurden. Da sich die Befragten selbst auf einer Links-rechts-Skala eingeordnet haben, kommt Friemel zum Fazit: "Es gibt einen Unterschied zwischen jenen, die Online- Kommentare nur lesen, und jenen, die solche verfassen: Bei allen vier Titeln sind die Kommentar-Schreibenden weiter rechts positioniert als diejenigen, die nur lesen."
Linke liken.Rechts kommentiert also überdurchschnittlich oft – dafür ist links anderswo aktiver. Friemel hat nämlich auch gefragt, ob die Befragten "like"-Buttons benutzen. Das Ergebnis: "Diejenigen, die den Button häufiger benützen, sind bei allen vier Titeln politisch eher links. Kommentiert wird also von denen, die leicht rechter sind als der Durchschnitt, geliked eher von denen, die leicht linker sind als der Durchschnitt der jeweiligen Zeitung."
Links oder rechts – was sich an Kommentaren auf den vier Online-Portalen findet, ist nur ein Teil der eintreffenden Reaktionen. Denn nach der Überprüfung durch die Verantwortlichen (siehe Kasten) werden zwischen etwa 25 und rund 70 Prozent dieser Reaktionen gelöscht. Zur Kontrolle setzen Newsnet, 20min.ch und blick.ch in einem ersten Schritt Software-Filter ein; bei blick.ch kommt ein "Karma-System" dazu, das mittels grünen oder roten Balkens anzeigt, ob der einzelne User bisher schon Kommentare geschrieben hat, die veröffentlicht werden konnten – oder eben nicht.
Bei den vier Portalen werden alle Kommentare überprüft; das ist angesichts des Volumens von zwischen 400 und 8000 täglich aufwendig. Denn die Medienhäuser müssen sich vor allfälligen Klagen schützen und sind laut Presserat verantwortlich für die Inhalte, die sie auf ihren Online-Portalen veröffentlichen. Und es kommt so allerlei herein, auch wenn sich die Kommentierenden – mit Ausnahme von 20min.ch, das neben einer freiwilligen Registrierung auch anonyme Kommentare zulässt – mit Namen und Mailadresse anmelden müssen.
Bei blick.ch, sagt Benjamin Rüegg, habe man neben der Registrierung auch ein Login mit Facebook eingeführt, "in der Hoffnung, dass die Kommentierer dadurch, dass mit Facebook Name und Wohnort genannt werden, etwas ‚gebändigt’ werden. Es nützt aber nichts." Bei nzz.ch müssen sich Kommentierende laut Anja Grünenfelder, Teamleiterin NZZ-Nachrichteredaktion, registrieren, damit "sich die Leser etwas mehr mit dem Kommentar auseinandersetzen, den sie publizieren, und sich genauer überlegen, was sie schreiben".
Um diejenigen auszubremsen, die sich in Kommentaren nicht bremsen können, wird die Kommentarfunktion bei manchen Artikeln schon gar nicht aufgeschaltet. Ausnahme ist hier nzz.ch; blick.ch ist dabei sehr zurückhaltend. Bei 20min.ch wird die Kommentarfunktion manchmal aus Kapazitätsgründen nicht geöffnet, manchmal auch aus inhaltlichen Gründen: "Bei einzelnen Themen, etwa Beiträgen über den Nahost-Konflikt, sind häufig inakzeptable Kommentare zu erwarten, deshalb können sie oft nicht kommentiert werden", so Olaf Kunz, Blattmacher Online und Leitung Community "20 Minuten".
Newsnet hat laut Eliane Loum-Gräser, Projektleiterin Tamedia-Unternehmenskommunikation, in letzter Zeit die Kommentarfunktion "etwas zurückhaltender" eingesetzt. Im Zusammenhang mit der Konvergenz und der Einführung der Paywall bestehen laut Loum Pläne, die Funktion sparsamer einzusetzen und die eintreffenden Kommentare "noch sorgfältiger" zu prüfen, damit tagesanzeiger.ch "zum Ort der hochstehenden und anregenden Leserdebatte" wird.
Eine Imagefrage.Wie solche Debatten geführt werden, ist wichtig. Denn Online-Leser schliessen aus den Kommentaren auf die "Kundschaft" des jeweiligen Mediums: In seiner Studie hat Thomas Friemel gefragt, ob die Befragten die Online-Kommentare für ein Abbild dessen halten, was die übrigen Leser des jeweiligen Titels denken: "Eine Mehrheit der Leser sieht das so, und zwar bei allen vier Titeln", sagt Friemel: "Sie gehen davon aus, dass sie mit den Kommentaren ein repräsentatives Meinungsbild der Leserschaft des Titels erhalten." Ein Ergebnis, das – angesichts der Resultate Friemels bezüglich politischer Positionierung der Kommentierenden – zu denken geben müsste.
*tagesanzeiger.ch, bernerzeitung.ch, derbund. ch, bazonline.ch
**Von Thomas Friemel erscheint in Kürze die Publikation "Sozialpsychologie der Mediennutzung", Konstanz: UVK.
Die Studie "Online Reader Comments as Indicator for Perceived Public Opinion" (Online-Leser-Kommentare als Indikator für wahrgenommene öffentliche Meinung) von Thomas Friemel und Mareike Dötsch ist im Februar 2015 erschienen und findet sich hier.
Die Crux mit den Clicks
(bbü) Daumen hoch und Daumen runter: Bei blick.ch, Newsnet und nzz.ch können die Kommentare positiv oder negativ bewertet werden. Seltsam ist bei blick.ch dabei, dass ein "like" dazu führen kann, dass etwa gleich fünf Punkte dazugezählt werden – oder gar keine. Benjamin Rüegg erklärt das mit technischen Gründen: "Damit die Site nicht dauernd neu geladen werden muss und so das System belastet wird, werden die Zahlen nicht ständig neu aktualisiert." Der Sprung um mehrere Punkte entstehe, weil in der Zwischenzeit auch andere abgestimmt hätten; ein scheinbar nicht gezähltes "like" erscheine dann erst mit der nächsten Aktualisierung.
Seltsames auch bei nzz.ch: Nicht Registrierte können einen Kommentar zwar "liken"; wollen sie aber "disliken", erscheint die Aufforderung, sich einzuloggen. "Unser Kommentarsystem kommt als Paket von einem externen Anbieter, wir können leider nur wenige Details konfigurieren. Wir werden das aber prüfen", meint dazu Florian Steglich, Leiter des NZZ-Labs. Sowohl bei blick.ch wie bei Newsnet ist es zudem möglich, einen Kommentar mehrfach zu bewerten, wenn man die Cookies löscht. Solche Mehrfachbewertungen könnten ausgenützt werden, um Kommentare zu pushen. "Bislang konnten wir diesbezüglich keinen Missbrauch feststellen. Sollte dies künftig einmal der Fall sein, werden wir weitere Schritte prüfen", so Eliane Loum-Gräser von Tamedia/Newsnet.
13 Kommentare
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(Die Pressestelle des OLG München hatte mit einer Email den sofortigen Beginn eines first-in-first-seved-Verfahrens ausgelöst, ohne vorher allgemein anzukündigen, dass es so verfahren werde. Manche Journalisten wurden vorab darüber informiert und über den Zeitpunkt des Starts, andere nicht.)
In deutschen Online-Foren (Zeit, Spiegel, FAZ, Süddeutsche, Welt, Telepolis u.v.a.) häufen sich erschreckend widerwärtige Kommentare über "verpennte" Türken und über ein angebliches Einknicken der deutschen Politik und des Bundesverdassungsgerichts gegenüber türkischem "Protestgeschrei".
Wo Kommentare bewertet werden können, bekommen die atemberaubenden, beklemmenden Texte bis zu 20, 30 mal so viel positive Bewertungen wie die moderaten.
Nach Umfragen sollen 70 % der deutschen Bevölkerung für die Ermöglichung einer direkten Berichterstattung türkischer Medien sein.
Andersdenkende sind außerordentich engagiert.
Ich lerne über mein Land und bin nicht erfreut.
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Ich finde jedoch die Resultate sind nicht ohne weiteres so interpretierbar. Herr Friemel hat die Leute befragt - nehme an mit einem Online Fragebogen - und dann die Daten statistisch analysiert.
Dabei sollte man vielleicht noch wissen ob er auch für einige Effekte kontrolliert hat wie z.B.
- Ausbildung - Lehre, Uni, etc.
- Alter
- Gender
- Einkommen
- Medium (Blick, NZZ, etc. da ja Leser vielleicht unterschiedlich?)
D.h. ist der Unterschied der Selbsteinschätzung - kommentierende Leser sind mehr Links als diese die Liken - immer noch statistisch signifikant nachdem Faktoren wie Einkommen (Fr....), Frau/Mann, Blick/NZZ/Tagi etc. eliminiert wurden (die können ja die Antwort auch beinflussen).
Erst dann kann man wohl Aussagen machen wie in diesem Artikel.
Ohne aber einen Link zur Studie wo man einsehen kann was die Daten aufzeigen ist es schwierig wie weit diese Resultate zutreffen.
Kann man die Studie irgendwo runterladen?
Danke
Urs
@CyTRAP
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Aus persoenlicher Erfahrung kann ich sagen, dass man im Angesicht der Flut von Gift und Hass, die einen in Foren ueberollt, irgendwann einfach aufgibt.
Die Foren akzeptiere ich mittlerweile als Spielplatz fuer frustrierte Menschen, die alles in schlechtem Licht sehen und anstatt konstruktiv sich zu auessern lieber etwas kaputtreden. Die Foren sind das Gruselkabinett des menschlichen Geistes.
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Aus meiner ganz subjektiven sicht stimmt eines bestimmt, je radikaler die Einstellung desto mehr Kommentare und vorallem desto mehr beleidigende Einträge (irgendwie Logisch). Ultra-Rechte und Ultra-Religiöse sind am ekligsten, man kann mit solchen Menschen nun mal nicht debattieren und es läuft in der Regel schnell auf Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen hinaus. Natürlich gibt's auch "Linke Spinner" welche sich keinen deut besser verhalten als ihr Pendant, sie scheinen mir aber weniger häufig zu sein.
Nein Dennis da stimme ich nicht in allem mit dir überein, es gibt wunderbare sachbezogene Foren auf denen finden gar keine "Hahnenkämpfe" statt.
Auch wenn man nicht dieselbe politische Linie verfolgt ist man fähig gesittet zu diskutieren, man hat schliesslich das selbe Steckenpferdchen.
Thematisch offene Foren sind natürlich etwas anderes, da kracht es öfter und man macht sich auch mal über den Einen oder Anderen lustig.
Was Handkehrum das ganze wieder etwas zügelt.
Auch darf man nicht vergessen das alle Foren recht gut überwacht werden nicht bloss von "robots". Trollen mag angehen, echte Störenfriede werden verbannt, natürlich kann jener sich mit neuer Adresse wieder einloggen, wird aber voraussichtlich schnell enttarnt wenn er sich gleich verhält (und "cops" gibt's auch, man kann sie manchmal (wieder)erkennen). Stimmt schon je nach Thema ist es ein Sammelsurium kurioser bis blöder Äusserungen. "Mitblödeln" es braucht nicht immer so trocken und sachlich zu sein wie mein Artikel hier. Betrachte ein Forum wie einen Stammtisch, da wird auch oft sinnloses dahergelabert, manchmal schlagen sie sich sogar die Köpfe ein, man kennt das doch oder etwa nicht?
Wiederum andere mögen es etwas lockerer und ich kann mich gut erinnern, dass einer in meinem meistbesuchten (sachbezogenen) Forum einmal meinte, es sei ihm alles etwas zu wenig heiter "bei uns". Nun, wie es mir scheint sind, abgesehen von Fanatikern, Amerikaner eher gesittete Gesprächspartner, ähnlich wie Schweizer. Deutsche und ich bin selber einer, gehen sich schon mal an den Kragen und haben zuweilen eine Ausdrucksweise (Stammelsprache), dass man Zweifel an ihrer Herkunft bekommt.
#8
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16.04.2013